General Sandino: "Das blutgetränkte Nicaragua"

Schriftstück des Generals der freien Männer und Frauen

Quelle: Voz del Sandinismo, Redacción Central

SANDINO-Gemälde des nicaraguanischen Malers Róger Pérez de la Rocha

Nicaragua bildet mit Guatemala, Honduras, El Salvador und Costa Rica den Teil unseres Kontinents, der Mittelamerika genannt wird. Nicaragua zählt mehr oder weniger 800.000 Einwohner auf einem Territorium von 150.657 Quadratkilometern, das auch eine Bevölkerung von 12.845.000 Einwohnern aufnehmen kann und das vier Tagesreisen von der mexikanischen Grenze entfernt liegt.

(Mittelamerika machte sich am 15. September 1821 von Spanien unabhängig. Das heißt, dass es erworbene Rechte auf seine Freiheit besitzt, genauso wie andere Länder der Erde. Deshalb darf es nicht Subjekt der Kolonialisierung weder in der Gegenwart, noch in der Zukunft sein.)

Nicaragua hat viele und große herrliche Seen und Flüsse sowie wilde Wälder, reich an wertvollem Holz, Gold- und Silbererzen. Die einen werden geschürft, die anderen nicht. In den Wäldern oder an den Flussufern findet man Zuckerrohr, Kakao, viele schmackhafte Früchte und wildwachsende Pflanzen. (Mit ihnen erhalten wir oft unsere Kräfte.) Gleichermaßen gibt es ausgedehnte und malerische Ebenen und gesunde Berggipfel mit Abertausenden Pferden und Rindern. Nicaragua genießt in Mittelamerika großes Ansehen als Produzent guten Viehs und Getreide. Die nicaraguanischen Männer und Frauen sind sehr gastfreundlich, ehrenhaft, arbeitsam und von guten Sitten.

Aber unglücklicherweise führt der nordamerikanische Imperialismus seit 25 Jahren in unserem geliebten Nicaragua das Unkraut des Dollars ein und erreicht mit den Jahren die Verkommenheit einer Gruppe von skrupellosen Politikern, die das moralische Umfeld dieses Landes verseuchten. Die Regierungen Nordamerikas und die Kamarilla korrumpierter Politiker, an deren Spitze Adolfo Díaz, Emiliano Chamorro und José María Moncada stehen, mache ich verantwortlich für die Ermordung der 50.000 nicaraguanischen Bürger und die Vernichtung der Erlöse nicaraguanischer Nationalität während der 20 Jahre, die einen Wert von 100 Millionen Cordobas ausmachen. (Der Cordoba war einen US-Dollar wert.)

Der nordamerikanische Machtbereich ist eine weitere Demonstration dafür, dass alle Nationen in eine Blütezeit gelangen, in der sie sich nicht erhalten können, weil sie, in diesem Machtbereich ankommen, hochmütig werden. Diese Hochmütigkeit bedeutet ihren Fall. Es ist kein Geheimnis, dass die Vereinigten Staaten von Nordamerika ein Maximum ihrer Entwicklung erreicht haben und sie deshalb nicht mehr das Recht des anderen achten. Aber zur gleichen Zeit erheben sie den Zeigefinger der Gerechtigkeit, um den anderen den donnernden Zusammenbruch anzukündigen.

Die Tätigkeit der Verteidigungsarmee der Nationalen Souveränität Nicaraguas demonstriert, dass es genau dort, wo miserable Politiker den Eindringling herbeirufen, auch ehrenhafte Männer und Patrioten gibt, welche die Unverletzlichkeit des Territoriums, das uns unsere Vorfahren hinterließen, mit der Waffe in der Hand zu verteidigen wissen. Der schändliche Chamorro-Bryan-Vertrag gestattet dem Yankee-Imperialismus entgegen aller Rechte den Bau eines Interozeanischen Kanals und die Einrichtung einer Marinebasis im Golf von Fonseca auf dem Boden, den er vorgibt, übertragen bekommen zu haben. Den besagten Vertrag haben auch Costa Rica, Honduras und El Salvador. Sie negierten die Gültigkeit eines solchen schändlichen Dokuments und die Überwachung der letzten Präsidentschaftswahlen durch Yankee-Soldaten auf Bitten des Usurpators Adolfo Díaz und akzeptiert durch Moncada. Damit verrieten sie die Freiheit des nicaraguanischen Volkes und stürzten Nicaragua in die größte nationale Schande.

Jedoch lehnte das nicaraguanische Volk den Affront des Yankee-Imperialismus und einer Gruppe nicaraguanischer Vaterlandverräter ab. Wir sind freie Menschen. Nicaragua wird weiterhin die würdige Schwester unserer lateinamerikanischen Republiken sein. Die Regierungen unseres Lateinamerikas sind nicht verpflichtet, sich gleichgültig zu verhalten.

Vaterland und Freiheit!

Mérida, Yukatan, Mexiko, Oktober 1929

Augusto César Sandino

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